Kenneth Frampton

*1930

Mit den Grundlagen der Architektur – Studien zur Kultur des Tektonischen (1993) hat der Begriff der Tektonik auch in Architektur und Architekturtheorie wieder eine Auffrischung erfahren. Frampton untersucht hier die Erscheinung der Tektonik in den Werken allzeitig gültiger Baumeister wie Karl Friedrich Schinkel, Frank Lloyd Wright, Auguste Perret, Ludwig Mies van der Rohe, Louis Kahn und weiteren.

Diese Schrift ist das Initial des tektonischen Entwerfens in der Architektur.

Anstatt historischen Nachahmungen als reaktionärem Ordnungsruf beizupflichten oder der derzeitigen neo-avantgardistischen Neigung, sich in ästhetischen Spekulationen zu ergehen, entgegenzutreten, wollen wir uns auf das Erscheinen der tektonischen Form auf Grund der Struktur und der Konstruktion konzentrieren. Selbstverständlich geht es hier nicht um das einfache Aufzeigen von Struktur und Technik, sondern vielmehr um ihr poetisches Ausdrucksvermögen. Insofern Tektonik einer Poetik der Konstruktion gleichkommt, ist sie eine Kunst, in dieser Hinsicht aber nicht unbedingt figurativ oder abstrakt. Ich möchte behaupten, dass die zwangsläufig erdgebundene Natur des Bauens viel mehr tektonisch und taktil als szenographisch und visuell ist, obgleich diese Unterscheidung weder den räumlichen Charakter der Umschließung noch den biologischen Vorrang, der dem Sehen gewährt ist, leugnet. Deshalb haben wir die Kühnheit, das Offensichtliche zu verkünden, nämlich, dass das Gebaute primär eine Konstruktion und erst in zweiter Linie ein abstraktes, aus Fläche, Volumen und Plan bestehendes Gebilde ist, wie es in den «Drei Mahnungen an die Herren Architekten» in Le Corbusiers «Vers une architecture» von 1923 erscheint. Man darf auch hinzufügen, dass das Bauen, im Gegensatz zu den bildenden Künsten, ebenso erlebte Gegenwart wie Darstellung, das Gebaute wiederum eher ein Ding als ein Zeichen ist, auch wenn es letzten Endes eine Mischung aus beidem wird. Wie Umberto Eco bemerkte, ist jeder «Gebrauchsgegenstand» zwangsläufig mit einem Zeichen verbunden, das auf diesen Gebrauch hinweist. | 1 f.

Die Präsenz eines Bauwerkes ist also untrennbar von der Art seiner Verankerung im Boden und der Dominanz der Konstruktion durch das Wechselspiel von Träger, Spannweite, Naht und Stoß – dem Rhythmus der Bekleidung und der Proportion der Fenster. | 31

Beim Kimbell-Musuem lenkt Kahn unsere Aufmerksamkeit auf die spezifische Natur der Verbindung und unterscheidet das Ornament von der Dekoration, wie Perret oder Labrouste es auch getan hätten. „Ich habe das Glas zwischen den Konstruktionsgliedern und den Gliedern, die nicht zur Konstruktion gehören, gesetzt, denn mit der Verbindung fängt das Ornament an. Dies muss von der Dekoration unterschieden werden, die einfach appliziert ist. Das Ornament ist die Verherrlichung der Verbindung. | 267

Diese Opposition zwischen der Kultur des Leichten und der Kultur des Schweren tritt in den verschiedenen Kulturen in unterschiedlichem Maße auf; einige Gemeinschaften neigen ausschließlich zum Stereotomischen oder zum Tektonischen, wie im Falle der Pyramiden Ägyptens und Mittelamerikas beim ersten Beispiel, oder bei den Holzbau-Kulturen Südostasiens beim zweiten. In vielen Kulturen, einschließlich der Chinas, findet man eine beinahe allgemeine Opposition zwischen dem schweren Sockel und dem darüber schwebenden, leichten Holzdach, […]. | 276

Zitationen aus:

Frampton, Kenneth: Grundlagen der Architektur. Studien zur Kultur des Tektonischen. München 1993
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